Als ich vor einigen Wochen eine kleine Reportage über den Züchter Louis Deleus aus Boortemeerbeek in unserer Briefteubernzeitung veröffentlichte, geschah das in Verbindung zum großen Nationalflug unseres Nachbarlandes, dem Bourgesflug für Alte, Jährige und Junge im Herbst eines jeden Jahres. Mit Louis Deleus hatte ich mir einen Schlag ausgesucht, der in den letzten Jahren sicherlich zu den besten Mittelstreckenschlägen Belgiens zu zählen ist, wenn ihm in diesem Jahr nicht sogar die Spitzenposition zuseht. Warten wir einmal das Endklassement in der Wertung die “Goldene Taube” ab.
Diese z. Zt. Populärste Meisterschaft in unserem Nachbarland gibt einen aussagekräftigen Überblick über die wahre Leistungsstärke der einzelnen Schläge. Louis Deleus und auch den Vorjahressieger, Jan Grondelaers aus Opglabbeek, werden die in diesem Jahr wiederum auf Spitzenpositionen wiederfinden. Aber wie das so geht, wenn man einen stark spielenden Züchter besucht, um ein Festival zu erleben, meist geht es schief. So auch bei Louis Deleus.
Nicht, daß es ein Fiasko wurde, aber es langte auf dem Bourgesflug 1990 nur zu einem “normalen” Ergebnis. Er machte 50% an Preisen, lag aber nicht ganz in der Spitze, und vom großen Geldgewinn bei seinen schwer gepoulten Tauben konnte auch keine Rede mehr sein. Schond rei Wochen später hatte er wieder dreimal den 1. gemacht, darunter einmal den 1. + 2. sowie einmal den 1., 2. und 3. provinzial, so daß in der “Reisduif”, einer belgischen Brieftaubenzeitung, die Überschrift stand: “Hat er denn immer noch nicht genug?” Aber wie das so geht; wenn man etwas Besonderes auf Bestellung sehen will, geht es meistens schief. Als ich dann die Preisliste vom Bourgesflug gesehen hatte, wuSte ich natürlich, wo ich hätte hinfahren müsen.
Aber glauben Si emir, ich habe bei dem Züchter, der das beste Jungtaubenergebnis von Belgien vorzuweisen hat, alle heimkehrenden Tauben von Bourges gesehen und wie das kam, will ich Ihnen hier erzählen:
Von einem befreunden Züchter erhielt ich die Einladung, ihn auf einer Fahrt nach Belgien zu begleiten. Er hatte dort einige Jungtauben bestellt und wollte sie nun abholen.
Auf die Frage nach den Namen des Züchters nannte er mir Houben aus Itegem,
Sicherlich einer der berühmtesten Mittelstreckenschläge unseres Nachbarlandes. Da ich wuste, daß der Schlag Houben auf dem Flug von Bourges ’90 eines der besten Ergebnise landesweit aufzuweisen hatte, war meine Neugier natürlich groß. Itegem, der Wohnort der Familie Houben, liegt in der Provinz Antwerpen und wöchentlich fliegen die Tenner der Houbens gege die Konkurrenz aus der “Union Antwerpen” mit so bekannten Namen wie William Geerts, dem diesjährigen “König” in der Union, oder wie van Elsacker-Jespen, die nur ganz knapp geschlagen auf dem zweiten Platz im Königswettbewerb landeten, gegen Willy van Berendonck, der mit großem Vorsprung mit seiner Jungtaube national von Bourges gegen 39.000 Jungtauben den 1. Platz belegt.
Brieftaubensport wird bei den Houbens in der 3. Generation betrieben.
Als der heutige Vorstand der Schlaggemeinschaft Houben, Jef Houben, 1949 vom Militärdienst heimkehrte, unterstützte er seinen Vater, der als Maurer die heutige Schlaganlage errichtete, bei der Taubenhaltung. Zu jener Zeit wurde hauptsächlich auf den örlichen Kurzstreckenflügen gespielt. Die Taubenrasse aus jenen Jahren stammt noch vom Großvater und diese Tauben stammten von Fons Ceulemans aus Berlaar, von wo auch die Gebr. Janssen ihre guten Tauben hatten. Heute noch ist Jef Houben stolz darauf, daß er in jenen Jahren niemals Geld auf den Flügen verloren hat. Auf die Mittelstrecke ging man ab 1960. Man verstärkte sich in den darauffolgenden Jahren mit Tauben u.a. vom verstorbenen Stan Raeymakers aus Emblem (1968), Stoces, Winterslag (1974), von Albert Everaerts, Geetbets (19778) und Brinkmann, Emsdetten (Deutschland). Mit Brinkmann aus Emsdetten wurde getauscht und zwar Houben- gegen Janssen-Tauben. In den letzten Jahren wurden noch einige Tauben von anderen Schlägen eingeführt, die man aber noch nicht endgültig beurteilen will. Bis 1980 reiste Jef Houben mit seinem Vater unter Houben und Sohn. Im Jahre 1980 kam Luc, der Sohn von Jef, hinzu und der Schlag reiste unter demselben Namen weiter. In den letzten Jahren wurde der Name noch einmal geändert in Houben, Jef, Luc, Nadia. Nadia, die Tochter von Jef und Evelyn, seiner Frau, hat mittlerweile einen großen Antail an der Versorgung der Tauben, was auch im Namen, unter dem der Schlag reist, zum Ausdruck kommen sollte. Die Houben sind in der Versorgung ihrer Tauben ein eingespieltes Team. Denn 1975 sah es plötzlich so aus, als wenn Jef den Taubenschlag nicht mehr betreten dürfte. Er hatte Probleme mit der Lunge und er konnte den Taubenstaub nicht mehr vertragen. Sofort sprang die ganze Familie ein, um dem Meister zur Hand zu gehen, damit er seinen geliebten Taubensport weiterhin ausüben konnte. Ohne den Beistand der Familie ware damals in Itegem der gesamte Bestand unter den Hammer geraten.
Im Sommer ist bei den Houbens vor 6 Uhr die Nacht für die erste Mannschaft zu Ende. Evelyn läßt gegen 6 Uhr die 10-12 Reiseweibchen, die in jeder Saison bei den Houbens fliegen, zum Training hinaus. Danach rücken Nadia und ihr Mann allen Schlägen mit Spachtel und Staubsauger zu Leibe. Nachdem die Schläge gereinigt sind, werden die Weibchen hereingerufen und die ca. 35 Witwer beginnen gegen 7.30 Uhr mit dem Training. Jetzt erscheint der Meister auf der Bildläche. In jeglicher Versorgungsarbeit wird Jef von seiner Familie unterstützt, aber das Füttern besorgt der Meister gans allein. In kleinen Portionen verabreicht er seinen Witwern ihre Rationen: “Tauben, die sich immer in der Nähe der Futterinne aufhalten, sind fast immer die schlechtesten Flieger. Die Guten kommen mit wenig Futter aus”, meint Jef Houben dazu.
Will man über die Herkunft der Stammtauben berichten, die die Schläge in der Heibergstraat in Itegem bevölkern, muß man das Rad der Zeit weit zurückdrehen.
Ein Vogel aus den siebziger Jahren, der heute noch in den Abstammungen der Houben-Tauben vorkommt, ist der “Goede Blauwe” (B60-6400508), der zahlreichte Male große Super-Poule sowie erste Preise errang. In seinem siebten Reisejahr 1966 wurde er noch 2. As-Taube der Mittelstrcke in der Provinz Antwerpen, mit damals 20.000 Liebhabern. Der “Goed Blauwe”ist ein Vollbruder vom “Radio”, ebenfalls einer der wichtigsten Zuchttauben bei den Houbens. Der “Goede Blauwe” und der “Radio” muß man als die bedeutendsten Basistauben des heutigen Schlages ansehen. Sie gehen in ihrer Abstammung auf die Tauben von Fons Ceulemans aus Berlaar zurück. Der “Goede Blauwe” wurde u.a. Vater des legend:aren “Baron”, einer der berühmtesten Tauben des belgischen Taubensports. Der Zuchwert dieses “Baron” wurde, und dagmit auch der Name Houben, in aller Welt bekannt. Der Beginn einer ergolgreichen Taubensportkarriere liegt bei vielen Liebehabern in der Linie des Baron verankert. Der “Jonge Radio” (B64-6495103), Sohn vom “Radio”, erringt 14 erste Preise und 32 Preise in den ersten 10. Au seiner Tochter vom “Jonge Radio” züchten die Houbens ihren “Jonge Artiest”(B82-6380170), einer der erfolgreichsten Zuchtvögel der jüngsten Epoche. Der Vater des “Jonge Artiest” ist der “Artiets” (B82-6378018) , die Taube, die momentan dür die Houben-Kenner den Ruhm des Schlages ausmacht. Das ist nicht verwunderlich. Der Vter des “Artiest” war der “Blauwe Janssen” (B66-6520367). Jef holte ihn bei Joske “Krukske” Verkammen aus Beerzel. Bei Houben befruchtete er leider nu rein Jahr, das genügte aber, um den “Artiest” zu geben.
Der “Jonge Baron”, Sohm des “Baron”, gepaart an das “Goede Duivineke” (Kreuzung Stoces Winterslag/Tochter Jonge Radio) züchtete eine Taubin B82-6380346, die denn Namen “Sissi” erhiell.
Es ist schwierig sehr schwierig, im Taubensport Vergleiche anzustellen.
Rein zahlenmäßig zeigen alle Vergleiche darüber, welcher nun eigentlich der beste Flieger oder Züchter ist, ihre Schwächen. Zu viel Fakotren spielen bei der Beurteilung der Klasse einer Taube eine Rolle, wenn man z. B. an die Zahl der Tauben denkt, gegen die gespielt wird, oder an die Quelität des Zusammenspiels, in dem man einsetzt. Ausspr”che wie, “die beste Mittelstreckentaube aller Zeiten”, um einmal ein Beispiel zu nenne, sind dann auch meist nur Gefühlsausbrüche und beruhen meistens auf einer subjektieven Beurteilung. Ich werde somit das Zuchtpaar “Jonge Artiest” x “Sissi” auch nicht als das beste Zuchtpaar der Welt vorstellen, aber die Bezeichnung “Superzuchtpaar” kann hier doch duchaus benutzt werden. Die ersten Jungtauben, die aus diesem Zuchtpaar fielen, waren der “Sony” und der “Viking”, die auch schon wieder Belgische Brieftaubengeschichte geschrieben haben. Die Anzahl exzellenter Flieger und Zuchttauben, die später als Kinder und Enkel geboren wurden, ist wirklich phänomenal. Der “Sony” B83-6376407 ist eine der Lieblingstauben der Familie Houben. Aber das war nicht immer so. Nach Houben-Tauben besteht Nachfrage in aller Welt, so daß der Zuchtschlag mit 40 Paaren sicherlich sehr großzügig besetzt ist. Im Frühjahr 1983 standen eine ganze Anzahl von Jungtauben zum Verkauf. Darunter ein unscheinbares Jungtier mit der Ringnummer B83-83-6376407. Da es aus einem neuen unbewiesenen Paar von zwei jährigen Tauben stammte, forderte Jef dafür 5 000 bfr. (250 DM). Es war unmöglich für diesen “Krätzer” einen Käufer zu finden. Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gezogen und der “Sony” wurde im Laufe der Jahre u.a.
1. Nationale As-Taube, Mittelstrecke, “De Reisduif” 1985
2. Nationale As-Taube, Mittelstrecke, K.B.D.B. = Königlich Belgischer Brieftaubenverband)
2. Nationale As-Taube, Mittelstrecke, “De Belgische Duivensport’ 1987
4. Nationale As-Taube, Mittelstrecke, “De Reisduif” 1987.
Da war es nicht mehr schwer, einen Käufer zu finden, aber es war unmöglich geworden, ihm bei den Houbens loszueisen.
Nach dem ReiseJahr 1987 gab es im Herbst und im Frühwinter bei den Houbens abendlange Diskussionen darüber, ob der “Sony” noch weitera n der Reise teilnehmen sollte oder nicht. Nach einem solchen Abend war Jef froh, endlich in die Federn kriechen zu können. Zufrieden schläft er ein.
Doch schon bal dist die Reisesaison ’88 in Gang und “Sony” nimmt wie gewohnt erfolgreich an der Reise teil.
Auf dem fünften Flug wird er schwer gepoult eingekorbt. Es wird ein ganz normaler Reisesonntag, doch eine Stunde nach Konkursschluß ist der “Sony” immer noch nicht zu Hause. Die ganze Familie werid von einer ungeheuren Unruhe erfaßt.Unruhig läuft man im Hof hin und her. Keiner ist mehr in der Lage, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Doch der “Sony” kommt an diesem Sonntag nicht mehr nach Hause. Auch nicht am Montag. Trauer legt sich übers Haus. Keiner macht jemanden einen Vorwurf. Aber die BLicke, mit Denen man Jef ansieht, lassen diesen bereuen, daß er auf eine Fortsetzung der Reisekarriere des “Sony” bestanden hat.
Da wacht Jef Houben auf. Schweißgebadet liegt er in seinem Bett. Er ist immer noch im Winter ’87 uns alles war nu rein Traum. Doch Jef ist so verwirrt, daß er im Schlafanzug zum Reiseschlag geht, um sich davon zu überzeugen, daß der “Sony” noch da ist. Wie gerädert legt er sich danach in sein Bett zurück. Am anderen Morgen erzählt er niemandem von seinem Taum. In der nächsten Nacht wird Jef vom selben Alptraum heimgesucht. Wieder wacht er mitten in der Naxht schweißgebadet auf. Zunächst ist Jef nicht in der Lage, sich zu r”hren. Dann jedoch reißt er sich zusammen und springt aus seinem Bett, barfuß läuft er zum Reiseschlag, um nachzusehen ob der “Sony” noch da ist. Überglücklich sieht Jef ihn auf sienem Platz sitzen. Er nimmt den “Sony” in die Hände und trägt ihn nachts um drei Uhr zum Zuchtschlag. Der “Sony” hat an keinum Flug mehr teilgenommen.
Freudig wird mein bekannter bei unserer Ankuft von Evelyn Houben begrüßt und wir werden hereingebeten. Im Wohnzimmer setzen wir uns an den großen Eßtisch und betrachten die vielen Einrichtungsgegenstände und Pokale, die alle irgend wie an den Taubensport erinnern. Durch das eine Fenster des ZImmers blickt man auf die am Haus vorbeigehende Straße, durch das zweite Fenster, das Herz eines jeden Taubenzüchters klopft vor Glück bis zum Halse, schaut man in den Zuchtschlages. Wenn die Houbens das Fenster öffnen, fliegen die Zuchttauben ins Wohnzimmer hinein.
Kaum, daß wir uns hingesetzt haben, schiebt Evelyn Houben schon eine Videokassette in den Rekorder.
Auf dem Fernsehschirm sehen wird die Straße, an der wir gerade Wagen geparkt haben. Jetzt stehen und sitzen am straßenrand dichtgedrängt die Zuschauer. “Bourges 90,” klärt mich der Hausherr auf. “Im letzten Jahr waren es noch mehr Zuschauer, als in diesem Jahr.”, berichtet Nadia. “Ein Amerikaner war zu Besuch und hat die heimkommenden Tiere gefilmt,” erzählt Evelyn. Als ich die leichtbekleideten Menschen auf dem Bildschirm sehe, fast jeder mit einem Getränk in der Hand, erinnere ich mich an den Besuch bei Louis Deleus in Boortemeerbeek am gleichen Tag. Allein die Erinnerung treibt mir erneut den Schweiß auf die Stirn. Vergnügt betrachtet man auf dem Bildschirm die Familie Houben, die gar keine Zeit hat, unter der Hitze zu leiden. Mit 375 000 bfr. Haben sie ihre Renner beladen (hauptsächlich ihre 23 Jungtauben), das sind rd. 18750,- DM. Da spurt man keine Hitze und keine Kälte. Unruhig laufen Jef und Luc die Treppe zu den Schlägen auf und ab. Da sieht man die erste Jungtaube aus Südwesten auf den Schlag zusteuern. Welche plötzliche Hektik unter den Zuschauern und unter den Züchtern. Ich glaube, daß Jef seinen Rekord im Taubenschlagtreppenhinauflaufen gebrochen hat. Aber wie auch auf demselben Flug bei Deleus, die Tauben blieben vor dem Hineinspringen alle ein paar Minuten sitzen. Am Ende machen sie mit ihren 23 eingestzten Tauben 17 Preise. Im Ost-Antwerpens Fondspiel fangen sie bei 1.129 Tauben mit dem 1., 2., 4., 7., 13., 21. an. Die Nationalliste lag zum Zeitpunkt unseres Besuches noch nicht vor, aber wahrscheinlich werden sie bei den 39 000 eingestzten Tauben 5 in den ersten 100 haben. An Preisgeld erringen sie etwa 1 300 000 bfr (65 000 DM). Das war das beste Ergebnis mit Jungtieren von ganz Belgien. Im Bewußtsein einer der stärksten Mittelstrackenschläge Belgiens und den schärfsten Geldspieler des Landes kennengelernt zu haben, ging es ein paar Stunden später auf den Heimweg. - Von Günter Kempgen